Der Gottesdienst begann mit einer Nikolaus-Parodie; später folgte ein von Jugendlichen gestaltetes Stück über den echten Nikolaus und einige der mit ihm verbundenen Legenden.

Eine ganze Menge haben wir jetzt schon über Nikolaus gehört: Einige von den Geschichten, die man sich schon früh über ihn erzählt hat, hatten wir vorhin im Fernsehen - und ganz am Anfang der kinderbeschenkende Nikolaus, wie wir ihn kennen und der sich auf einem langen Weg aus dem Ur-Nikolaus entwickelt hat. Aber wie ist aus dem einen der andere geworden? Und wer war eigentlich der ursprüngliche, der Original-Nikolaus?

Sagen wir es so: es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich einmal einen Ur-Nikolaus gegeben hat. Er war Bischof der kleinasiatischen Stadt Myra, etwa um 320, 340 nach Christus. Grob gerechnet ist das jetzt gut 1650 Jahre her. Die Geschichten, die man sich über ihn erzählte, vermischten sich schnell mit den Erinnerungen an einen Abt Nikolaus, den es wohl auch gegeben hat. Die Quellenlage ist ein bisschen dürftig. Während wir z.B. über den echten Jesus und seine Jünger sehr gut unterrichtet sind, wissen wir über den echten Nikolaus ziemlich wenig. Wir können noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass er wirklich gelebt hat, aber es ist schon wahrscheinlich dass es hinter den vielen Geschichten, die man über ihn verbreitet hat, einen echten Menschen aus Fleisch und Blut gegeben hat.

Wenn wir nicht mit Sicherheit sagen könnten, ob es Jesus gegeben hat, das wäre schlimm. Aber bei Nikolaus können wir es mal durchgehen lassen, dass viele Geschichten über ihn vielleicht nur gut ausgedacht sind. Nikolaus ist inzwischen eine Konstruktion, an der die Menschen vieler Jahrhunderte gearbeitet haben. Er ist eine Geschichte zum Weitererzählen, auch wenn sich das alles um einen echten Menschen aufgebaut hat.

Also, Myra liegt an der südlichen Küste Kleinasiens, heute ist das die Türkei. Ganz in der Nähe liegt heute Antalya, wo viele ihren Urlaub verbringen. In der Antike war das ein wichtiger Bestandteil des römischen Reiches, und hier gab es früh Christen. Ganz in der Nähe ist schon Paulus auf seinen Missionsreisen durchgekommen.

Heute gibt es dort auch eine Nikolauskirche, die ist aber erst ungefähr 150 Jahre alt und ist nicht fertig geworden. Ursprünglich gab es dort eine alte Kirche mit dem angeblichen oder wirklichen Grab von Nikolaus. Aber da hat man ihn nicht ruhen lassen. Im Jahr 1087 raubten italienische Kaufleute seine Gebeine und brachten sie nach Bari in Italien. Dort liegen sie seitdem und wurden verehrt. Nikolaus wurde zu einem der 14 Nothelfer, die man in Gefahren und Nöten anrief. Es muss damals einen richtigen Nikolaus-Boom gegeben haben. Tausende von Kirchen in Westeuropa wurden nach Nikolaus benannt. Auch unsere 1508 gebaute Kirche heißt nach ihm »Nikolai-Kirche«, aber vielleicht hat sie diesen Namen ja schon von ihrer Vorgängerin übernommen.

Man merkt daran: auf Nikolaus haben die Menschen schon immer ihre Wünsche und Hoffnungen projiziert. Sie haben ihn immer ganz nach ihren Erwartungen dargestellt.

Dieses Bild, eine griechische Ikone aus dem 9./10. Jahrhundert, kommt dem echten Nikolaus vielleicht am nächsten. Aber als sie gemalt wurde, war der echte Nikolaus schon mindestens 500 Jahre tot. Da ist er dargestellt als griechischer Bischof: mit der Bibel in der einen Hand, die andere Hand segnet. Ein ernster, asketischer Mann mit einem schmalen Gesicht im griechischen Bischofsgewand.

Als Nikolaus im Westen Europas populär wurde, hat man ihn dann wie einen katholischen Bischof dargestellt: mit Bischofsmütze, der Mitra; mit dem bischöflichen Krummstab, mit dem Bischofsmantel, auch hier wieder mit der Bibel. Auf der Bibel liegen drei runde Gegenstände, das sind vermutlich die drei Goldstücke, mit denen Nikolaus eine Familie beschenkte, damit sie ihre drei Töchter nicht als Prostituierte arbeiten lassen mussten. Überhaupt ist mit Nikolaus die Zahl drei verbunden: drei ermordete Studenten soll er wieder zum Leben erweckt haben, drei Unschuldige vor der Hinrichtung bewahrt, drei gefangene Feldherren aus dem Kerker befreit haben.

Spätestens seit damals fingen überall in Europa Nikolausbräuche an zu wachsen. Weil Nikolaus öfter mit jungen Leuten und Kindern zu tun hatte, wurde er zu dem Mann, der den Kindern in der Weihnachtszeit Geschenke bringt. Ursprünglich bekamen die Kinder nämlich ihre Geschenke am 6. Dezember. In Holland ist das, glaube ich, immer noch so. Ist doch nett, dann muss man nicht so lange warten!

Außerdem bekam der Nikolaus noch einen Begleiter. Wir kennen ihn als Knecht Ruprecht, anderswo hier er aber auch der »Kinderfresser«. Da hat man dem Nikolaus eine dunkle Seite verpasst, hier sogar mit Teufelshörnern, vielleicht aus pädagogischen Gründen. Der Ruprecht musste dem Nikolaus die Geschenke tragen, aber er hatte auch die Rute dabei und konnte die ganz unartigen Kinder gleich in den Sack oder in die Kiepe stecken und mitnehmen.

Hier auf diesem Bild von 1851 (rechts) ist Nikolaus noch eindeutig als Bischof zu erkennen. Aber von da an gings bergab.

Zuerst wurde Nikolaus in Schokolade gegossen. Dies ist eine Gussform aus dem Deutschen Schokoladen-Museum. Noch ist er eindeutig ein Bischof, aber nicht mehr lange.

Ungefähr zur gleichen Zeit verfasste der deutsche Arzt Heinrich Hoffmann das Kinderbuch vom Struwwelpeter. Und in diesem Buch kommt der »böse Niklas« vor, der drei Buben in schwarze Tinte steckt, als Strafe, weil sie einen Afrikaner verspottet haben. Gleichzeitig ist das übrigens ein Spott auf den russischen Militärdiktator und Zaren Nikolaus I. . Der war ein autoritärer Herrscher; seine Geheimpolizei schwärzte in importierten Bücher kritische Stellen mit schwarzer Tinte.

Für uns interessant ist hier aber, dass der Niklas jetzt auf einmal kein Bischof mehr ist. Er hat einen einfachen rotbraunen Mantel, aus dem Sack des Knecht Ruprecht ist ein Tintenfass geworden und aus dem Bischofsstab eine Feder. Man kann daran schön sehen, wie sich die Beigaben des Heiligen Nikolaus auch in verwandelter Form durchhalten. Es sind auch wieder drei Kinder.

Besonders wichtig für die Geschichte des Motivs ist aber, dass Nikolaus die Mitra, seine Bischofsmütze, verloren hat. Stattdessen hat er eine sogenannte »phrygische Mütze« auf. Das ist eine alte Kopfbedeckung, die ursprünglich aus Kleinasien stammt.

Rechts neben dem Struwwelpeter-Niklas sieht man eine antike Darstellung der phrygischen Mütze. Als man den Nikolaus aus dem kirchlichen Zusammenhang heraus nahm, da hat man ihm als Zeichen seiner kleinasiatischen Herkunft diese Mütze verpasst, der Spitze meistens leicht nach vorn geneigt ist und manchmal einen Zipfel daran hat.

Hier rechts bei dieser Schokoladenfigur von 1920 ist der Übergang endültig vollzogen: der Nikolaus trägt die phrygische Mütze, hat die Rute und die Geschenke dabei und ist vielleicht schon zum Weihnachtsmann geworden.

Diese beiden Schokoladen-Nikoläuse links sind schon beinahe Weihnachtsmänner, sie haben zwar noch den Bischofsstab dabei, einer sogar auch eine Bibel, aber auf dem Kopf haben sie die phrygische Mütze. Nur noch das Kreuz darauf erinnert daran, dass das mal eine Bischofs-Mitra war.

Und hier rechts haben wir dann den vollentwickelten Weihnachtsmann: in den Signalfarben rot und weiß, er hat sogar noch ein goldenes Buch in der Hand, aber das ist keine Bibel mehr, sondern da steht irgendwas von einer Marzipanfüllung drauf.

Diese endgültige Anpassung des Heiligen Nikolaus an die Konsumwelt ist, wie wir alle wissen, in der Werbeabteilung von Coca Cola vorgenommen worden. Schon im 19. Jahrhundert hat ein amerikanischer Grafiker aus dem Nikolaus den Santa Claus gemacht: einen gemütlichen Dicken, der mit seinen Rentieren am Nordpol wohnt. Coca Cola hat ihn dann auf die Firmenfarben Rot und weiß getrimmt und überall plakatiert.

Als Gegenbild zum roten kapitalistischen Weihnachtsmann ist im sowjetischen Russland das eher sozialistische und blaugetönte »Väterchen Frost« erfunden worden. Immerhin erkennt man in seiner Hand noch den Bischofsstab, auch wenn der hier zu einer Art magischem Zauberstab geworden ist. Bei uns in Deutschland haben wir wie üblich einen Mittelweg zwischen dem kapitalistischen Santa Claus und dem sozialistischen Väterchen Frost gefunden:

Den Gartenzwerg! Vom Weihnachtsmann hat er den Bart und die phrygische Mütze, auch der mahnende Zeigefinger ist erhalten geblieben, vom Santa Claus hat er den dicken Bauch, und aus dem Bischofsstab ist ein Rechen geworden. Merken Sie wie langlebig Symbole sind? Und merken Sie, wie der Anteil an christlicher Substanz immer dünner wird?

Noch eine Stufe weiter ist hier der Schlumpf-Papa, den nur noch der Bart und die rote Mütze mit dem Weihnachtsmann verbindet, und am Ende (bei dem Schlumpf mit der Blume) ist es nur noch die Mützenform, die erhalten geblieben ist.

Das war jetzt eine lange Reise vom ursprünglichen Nikolaus bis zur Popkultur unserer Tage. Was sagt uns das? Kommen die Menschen von so einem Symbol wie dem Nikolaus einfach nicht los?

Anscheinend ist es gar nicht so einfach, etwas wirklich Neues zu schaffen. Auch über 1000 und mehr Jahre hinweg hören wir noch eine Art Widerhall eines beeindruckenden Menschen, auch wenn er uns kaum noch greifbar ist. In der Neuzeit versucht man die christlichen Wurzeln dieses Symbols abzuschneiden, aber damit wird es eigentlich ziemlich banal und eigentlich nur noch lächerlich. Wer noch »an den Weihnachtsmann glaubt«, ist entweder noch sehr jung oder eine Witzfigur. Das funktioniert auf die Dauer nicht, die Früchte des christlichen Glaubens festhalten zu wollen, aber die Wurzel zu verleugnen.

Das wird besonders deutlich, wenn man die alten Legenden um Nikolaus einmal ernst nimmt. Unschuldig Verurteilte vor dem Tod zu bewahren, wie es die ältesten Nikolausgeschichten erzählen, das ist etwas ganz anderes als eine Coc Cola-Werbung zu sein. Nikolaus ist der Typ des gerechten Menschen, der nicht mit ansehen kann, wie andere unschuldig verfolgt werden. Er steht für das Recht ein.

Oder der Nikolaus, der dafür sorgt, dass die drei Töchter eines armen Mannes heiraten können und nicht als Prostituierte für den Unterhalt der Familie sorgen müssen, das ist nicht der gemütliche Typ mit dickem Bauch. Sondern das ist der Typ des Vaters, der für seine Kinder einsteht, damit sie einen guten Start ins Leben haben können. Er spürt, wie schief das ist, wenn Eltern auf Kosten ihrer Kinder leben, und er greift ein, damit die Kinder ihren eigenen Weg gehen können. Der ursprüngliche Nikolaus ist viel näher dran an der befreienden Botschaft Jesu, der den Kampf aufgenommen hat gegen alles Kleinmachen von Menschen.

Insofern ist eigentlich auch der echte Nikolaus von Myra noch nicht der eigentliche Ursprung der Nikolauslegenden. Er ist eigentlich ein Nachfolger Jesu, und in den Geschichten von ihm spiegelt sich die Art Jesu. Und in der Banalisierung des Nikolaus spiegelt sich die Verleugnung des christlichen Erbes in Europa.

Bleibt noch die Frage, wieso eigentlich die Menschen immer wieder zu Heiligen ihre Zuflucht nehmen. Warum orientieren sie sich eigentlich nicht gleich an Jesus und an der Bibel? Ich als evangelischer Christ finde das natürlich ziemlich merkwürdig, wenn Menschen zu Heiligen beten und sie um Hilfe bitten oder vielleicht sogar zu ihren Gräbern wallfahren. Wir haben doch Zugang zu Gott selbst, da ist es schon komisch, wenn Leute sich an Heilige wenden.

Aber ich versuche mal, zu verstehen, welcher Sinn darin verborgen sein könnte. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass nicht nur die Gestalt Jesu selbst beeindruckend und stark ist. Mindestens ebenso beeindruckend ist es, wenn sich dieses Leben Jesu fortsetzt im Leben von Menschen, die nicht Jesus sind. Dass der Heilige Geist Menschen so prägt, dass sich in ihnen Jesus widerspiegelt, und wir ihm in solchen Menschen begegnen können, das ist ein Wunder, das auf seine Art ebenso bedeutend ist wie Jesu Leben vor 2000 Jahren. Jesus bleibt keine Vergangenheit, sondern erscheint immer wieder in der Gegenwart, aber ganz persönlich gefärbt durch die Individualität der Menschen, die an ihn glauben. Und anscheinend haben die Leute gesagt: an dieser Geschichte Jesu, die in beeindruckenden Menschen weitergeht, möchten wir irgendwie Anteil bekommen, und sei es nur so, dass wir die toten Knochen dieser Menschen berühren.

Das ist ja ähnlich, wie wenn ich hier Geschichten erzähle von Menschen, die auf irgendeine Weise etwas Starkes mit Jesus erlebt haben. Mutter Theresa, Dietrich Bonhoeffer usw., das sind die Heiligen unserer Tage. Bei solchen Geschichten, wenn sie gut sind, da hören die Leute meist viel besser zu als bei den ursprünglichen Geschichten aus der Bibel. Warum eigentlich? Weil dann nämlich noch dazukommt: das passiert auch heute noch! Jesus war nicht ein einmaliger Glücksfall in der Vergangenheit, sondern aus seiner Geschichte steigen immer wieder neue Geschichten auf, und wir können irgendwie damit in Berührung kommen, wie verdünnt auch immer. Und wenn wir nachher Kekse verteilen, die wir im Ü10 Gottesdienst gebacken haben, dann kommen Sie z.B. auch in Berührung mit der Gemeinschaft von Jugendlichen und Erwachsenen, an der wir da arbeiten. Nicht, dass das deswegen schon Heilige wären, aber auch das ist eine Geschichte, die die Geschichten Jesu in der Gegenwart weiterschreibt.

Einen entscheidenden Haken hat die Heiligenverehrung natürlich, und das sind nicht die Knochen. Sondern es scheint mir so, als ob Menschen für sich selbst die Hoffnung aufgegeben haben, solche Heilige zu werden, und das lieber an die offiziellen Heiligen delegieren. Oder als ob Menschen zwar gern Geschichten von anderen hören, die Großes mit Jesus erleben, aber wenn es darum geht, selbst so wie Jesus zu sein, dann würden sie lieber nicht so viel investieren, wie es die echten Heiligen gemacht haben. Von der Bibel her sind wir aber alle berufen, Heilige zu sein, und eben so viel einzusetzen wie Nikolaus und all die anderen. Für uns alle ist dieser Weg vorgesehen, dass sich die Geschichte Jesu in unserem Leben fortsetzt. Dass wir diese Heiligengeschichte, alt oder modern, nicht nur hören, sondern sie selbst erleben. Das ist der Stoff, aus dem die Träume unzähliger Menschen sind, auch wenn sie vielleicht gar nicht mehr wissen, wo diese Träume herkommen.

Ein Mensch wie Nikolaus hat ein Echo über viele Jahrhunderte erzeugt. Es soll in unserem Leben Widerhall finden, und auch unter uns sollen solche starken, echten Aktualisierungen des Lebens Jesu entstehen. Nicht nur die albernen Imitate.

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