4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!5 Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden! 7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Es ist wichtig zu wissen: Als Paulus den Philipperbrief schreibt, sitzt er im Gefängnis und weiß nicht, wie seine Zukunft aussehen wird. Von Freilassung wegen erwiesener Unschuld bis zur Hinrichtung ist noch alles möglich. Und natürlich kommen zu dieser Unsicherheit noch die ganzen Belastungen eines Gefängnisaufenthaltes: er kann nicht reisen, er kann niemanden besuchen, sondern nur besucht werden, kurz: er hat wenig Kontrolle über sein Leben und ist von dem Entgegenkommen anderer abhängig.

In dieser Situation schreibt er einen Brief an die Gemeinde in Philippi, und was ist das vielleicht wichtigste Thema seines Briefes? Die Freude. Aus dem Gefängnis schreibt er über Freude. Und man merkt, da stecken echte Erfahrungen hinter. Das heißt, bei ihm funktioniert eine Regel nicht, die für uns so etwas wie eine Selbstverständlichkeit ist: Wenn es mir gut geht, freue ich mich und wenn es mir schlecht geht, dann bin ich traurig, unzufrieden, mürrisch oder irgendwie anders schlecht drauf. Diese Regel hat bei Paulus ihre Selbstverständlichkeit verloren, weil in seinem Leben noch ein anderer Faktor eine Rolle spielt, nämlich Jesus.

Bitte macht euch für einen Augenblick klar, wie grundlegend das den heutigen populären Vermutungen über das Leben widerspricht. Wenn Ihnen jemand begegnet, der offensichtlich schlecht drauf ist, und Sie sagen ihm: sei doch mal fröhlich!, dann wird er in der Regel mehr oder weniger ausführlich erzählen, dass es einen Grund für seine schlechte Stimmung gibt: dass er nämlich in einer schlechten Lage ist. Er wird erzählen, wie übel ihm das Leben mitspielt: wie schlimm seine Krankheit ist, wie gemein andere Menschen zu ihm waren, wie wenig Geld er hat, oder irgendetwas anderes. Und die Voraussetzung dahinter ist die Selbstverständlichkeit: ich bin in einer schlechten Lage, und deshalb bin ich auch schlecht drauf. Wie könnte ich fröhlich sein, wenn die Welt für mich so schlecht aussieht?

Wir können Paulus nur verstehen, wenn wir uns klarmachen, dass er diese Regel für sich nicht akzeptieren würde. »Ich soll in meinem Lebensgefühl davon abhängig sein, was ein Beamter des römischen Kaisers über mich entscheidet? Das kann nicht sein!« würde er wahrscheinlich sagen. »Hast du vergessen, dass Jesus Christus mein Herr ist und nicht der Kaiser? Hast du vergessen, dass ich dem Herrn des Himmels und der Erde diene und zu ihm gehöre und von IHM meine Freude und mein Glück kommen, und da sollte ich in meiner Stimmung von den Entscheidungen so eines römischen Beamten abhängig sein, oder von irgendwelchen anderen Wendungen des Lebens?«

Auch wenn Sie es jetzt für ziemlich unwahrscheinlich halten, dass diese Lebenshaltung funktioniert, dann lassen Sie sich mal für einen Augenblick auf das Gedankenexperiment ein, dass diese Gedanken vielleicht doch nicht völlig unsinnige sind. Immerhin gibt es von Paulus die Geschichte, wie er bei anderer Gelegenheit ausgepeitscht und ins Gefängnis geworfen wurde und da mit blutendem, zerschlagenen Rücken in der Nacht Loblieder auf Gott gesungen hat. Anscheinend ging das nicht sofort, er musste erst wieder zurückfinden zu dem Bewusstsein, dass seine Stimmung nicht von den Umständen abhängig war, aber nach ein paar Stunden war er wieder so weit – trotz des zerschlagenen Rückens, der immer noch höllisch gebrannt haben muss. Aber der Zustand seines Herzens war tatsächlich ein gutes Stück unabhängig von seiner äußeren Lage.

Ich weiß, es gibt genügend Menschen, die diesen Gedanken als große Zumutung empfinden würden. Es gibt genügend Menschen, die richtig böse werden, wenn man ihnen sagt: hey, deine Niedergeschlagenheit ist nicht die einzigmögliche Reaktion auf das, was dir passiert ist. Gibt es nicht noch andere Möglichkeiten? Möchtest du nicht lieber mit Hoffnung und Freude im Herzen leben? Und dann antworten sie: ja dir geht es gut, aber ich werde vom Schicksal so hart behandelt, so schlecht wie mir geht es keinem, jetzt sieh doch endlich ein: ich habe keine andere Wahl als traurig zu sein, mich zu betrinken, nicht zum Gottesdienst zu kommen, allen Leuten auf die Nerven zu gehen, oder am Telefon rumzuheulen. Dir geht es gut, natürlich, aber mir geht es so schlecht, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt. Das muss doch jeder einsehen. Was soll ich denn sonst machen in dieser Lage?

Liebe Freunde, wer in diesen Gedanken erstmal drin ist, den kann man da kaum wieder rausholen. Der sitzt in einer Abwärtsspirale drin, die nur ganz schwer zu stoppen ist. Deswegen nutzt die Gelegenheit und denkt heute darüber nach und nehmt euch vor, dieses Denkmuster nie bei euch einrasten zu lassen. Denn dieses Denkmuster – die Welt ist für mich ganz schlecht, also geht es mir schlecht, und ich kann nichts dagegen tun – das ist natürlich die sicherste Garantie, dass es mir tatsächlich weiterhin schlecht geht. Zum Glück tun viele Menschen instinktiv irgendwann das Richtige und schauen nach den kleinen Freuden und Erleichterungen aus, die es tatsächlich in jeder Lage gibt. Faktisch verhalten sich Menschen meistens nicht so, dass sie sich nur noch in ihr Unglück verkriechen. Aber wer sich wirklich immer tiefer in dieses Denkmuster hineinarbeitet, dem ist kaum noch zu helfen, weil er irgendwann auch das Positive nicht mehr an sich heran lässt. Die Überzeugung, dass unser innerer Zustand sich einfach aus dem äußeren Zustand, aus den Umständen ergibt, die ist extrem zerstörerisch.

Was ist aber die Alternative, was meint Paulus nun eigentlich, wenn er aus dem Gefängnis heraus von einer Freude spricht, die ihn auch dorthin begleitet hat, und die er den Christen in Philippi so sehr ans Herz legt?

Die ganze Sache verbirgt sich in dem Satz: der Herr ist nahe. Wir haben uns über die Jahrhunderte daran gewöhnt, solche Sätze faktisch als fromme Folklore zu verstehen, als einen schön gemeinten Satz, dem keine ernstzunehmende Wirklichkeit entspricht. Deshalb hilft er auch frommen Leuten oft nicht weiter. Deswegen muss auch Weihnachten mit allem möglichen albernen Brauchtum aufgepeppt werden, weil keiner mehr diesen einfachen Sätzen traut. Und auch die vielen Versuche, uns zu erklären, warum man sich doch »eigentlich freuen müsste«, die zeigen eben nur, dass es faktisch nicht besonders gut funktioniert.

Für Paulus und viele andere Christen war aber dieser Satz, dass der Herr nahe ist, eine sehr praktische Aussage. Sie bedeutet, dass der auferstandene Jesus Christus durch alle Ritzen und Lücken in die Welt eindringt, dass er auf alle mögliche Weise Menschen erreicht und jetzt schon ihre Realität verändert. Paulus hat erlebt, wie er mitten im Gefängnis Menschen mit dem Evangelium berühren konnte, wie er sie für Jesus gewonnen hat. Er musste ins Gefängnis kommen, damit er erlebte, wie das Evangelium selbst unter solchen Umständen eine wirklichkeitsverändernde Macht ist.

Könnt ihr euch vorstellen, wie sich dadurch das Lebensgefühl ändert, wenn einer Tag für Tag erlebt: ich habe etwas in der Hand, was selbst unter extrem ungünstigen Bedingungen extrem Gutes bewirkt? Und dann steht einer nicht jeden Tag auf und macht sich fertig mit Gedanken wie: »schon wieder ein sinnloser Tag! Und am Ende werde ich wahrscheinlich doch hingerichtet! Warum sitze ich hier? Da draußen tobt das Leben, und ich bin hier auf dem Abstellgleis!« Sondern er steht auf und fragt sich: was wird Gott heute tun? Wo werde ich heute Gelegenheit haben, mein mächtiges Werkzeug einzusetzen? Und er bittet Gott: sei du heute mein Begleiter, erweiche das harte Herz dieses Justizangestellten, gib mir die richtigen Worte, wenn der in der Nachbarzelle völlig verängstigt vom Verhör zurückgebracht wird, behüte die Gemeinde in Philippi, und behüte mich auch heute! Schenk mir Gefährten hier im Gefängnis, die dich auch kennen, so wie die vielen anderen da draußen, mit denen ich zusammengehöre!

Versteht ihr, das ist eine ganz andere Art, die Welt zu sehen, wenn man weiß, dass Jesus Tag für Tag am Wirken ist und wenn man da unbedingt dabei sein will. Da hat man für trübe Gedanken kaum noch Platz. Klar, auch Paulus hat es weh getan, wenn er geschlagen wurde oder wenn er Hunger hatte, auch für Paulus war das scheußlich, in einer kalten, feuchten Zelle zu sitzen, ich denke, auch er sehnt sich nach seinen Freunden und Gefährten. Aber er hat sich davon nicht sein ganzes Lebensgefühl bestimmen lassen.

Aber das ist immer noch nicht die ganze Erklärung. Es muss im Innern des Paulus einen Raum gegeben haben, in dem er Zugang zu Jesus Christus hatte, auch wenn draußen in seiner Umgebung alles gründlich schief gelaufen ist. Er wusste von einer Freude, die in ihm wohnte, und die von all dem Auf und Ab in der Außenwelt nicht erreicht wird. Er hatte Zugang zur Gegenwart Gottes, zur Kraft des Heiligen Geistes, zur Freude Jesu, und das war eine Quelle in seinem Herzen, die nie versiegt ist, und ich glaube, dass Paulus am Ende, als er tatsächlich getötet wurde, immer noch den Zugang zu dieser Quelle gehabt hat. Als er dann wirklich dabei war, alles zu verlieren, sogar sein Leben, da ist diese Quelle nicht versiegt. Das ist jetzt eine Vermutung, weil wir nichts Sicheres über den Tod des Paulus wissen; aber von anderen Christen, die mit Christus gestorben sind, wissen wir, dass im entscheidenden Moment, als alles andere ihnen nicht mehr helfen konnte, diese Verbindung mit dem auferstandenen Jesus sie bis zuletzt begleitet hat.

Freude ist nicht irgendetwas in uns, was man herauspräparieren und untersuchen könnte, sondern Freude geschieht in einer Beziehung, und wenn es die Beziehung zum auferstandenen Jesus ist, dann ist sie unzerstörbar. Diese Freude zu erleben, das war der tiefste Grund, weshalb einer wie Paulus durch die halbe Welt gereist ist und alles für Jesus gegeben hat: weil er damit gleichzeitig diese Verbindung zu Jesus gestärkt hat, weil er so immer besser gelernt hat, aus der Freude zu leben, weil er so ein – wenn man es mal so sagen darf – ein glücklicherer Mensch geworden ist.

Wenn man das beschreiben soll, dann kommt man irgendwo an seine Grenzen. Selbst wenn man Geschichten erzählt, ist das nur ein Hinweis, eine Hinführung. Man kann dann irgendwann nur noch sagen: du musst das selbst erleben, und du wirst es erleben, wenn du es dir wünschst, darum bittest und Jesus nachfolgst. Früher oder später wirst du dann wissen, was ich meine.

Aber das ist bei fast allen tiefen Erlebnissen so. Du kannst sie nur begrenzt kommunizieren, und ob sich dann einer auf die Suche macht und es selbst erlebt, das kannst du nicht erzwingen.

Deswegen sagt Paulus hier freut euch! Das ist eigentlich als Befehl Unsinn, aber es ist eine Aufforderung, ein Anreiz, eine Erinnerung an etwas, was sie ja eigentlich kennen, aber es ist vielleicht wieder in den Hintergrund getreten, weil es im normalen Denken der Mehrheit so unwahrscheinlich ist. Dass man bei Gänsebraten, Alkohol und Geschenken ein paar nette Stunden verbringen kann und die alltäglichen Familienkleinkriege außen vor bleiben, das können sich die meisten gerade noch vorstellen. Aber dass es eine Freude gibt, die zur Not auch ohne Anhalt in der äußern Realität funktioniert und die beständig daran arbeitet, Menschen und ihr Leben zu verändern, das ahnen die wenigsten. Das ist sogar unter Christen so etwas wie ein Geheimwissen. Und dann nehmen wir doch wieder vorlieb mit einem traditionellen Familienfest und der Überzeugung, dass wir uns eigentlich freuen müssten.

Die Freude, von der Paulus spricht, die ist nicht auf solche Konstruktionen angewiesen. Sie ist gründet sich auf eine erlebte Realität: da ist einer dabei gewesen und hat gesehen, wie Jesus diese Welt überall beeinflusst, verschiebt und erneuert. Er hat dabei mitgemacht. Das ist erlebte Realität. Und in dem allen hat er diese Quelle der Freude gefunden, die auch gegen alle andere Realität immer noch weiterfließt.

Man kommt da nur ran, wenn man sich mit seinem Leben und nicht bloß mit Worten der Suche danach verschreibt. Wem das zu aufwändig ist, der kann ja auch den Weihnachtsmann bestellen. Der ist billiger, aber der bringt auch nur Geschenke. Das Original ist allemal besser, aber es ist auch unter Christen ein echter Geheimtipp.

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