Der Lottogewinn

Szene für einen Gottesdienst

© Walter Faerber

Personen:
Susanne, ca. 25 Jahre
Ingrid, ca. 56 Jahre
Klaus, ca. 30 Jahre
Karsten, ca. 35 Jahre      (alle Büroangestellte bei Brauerei Hopfen & Malz AG)

Büroumgebung. Susanne, Ingrid und Klaus kommen nacheinander rein und begrüßen sich.

Susanne:    Guten Morgen!

Ingrid:     Guten Morgen!

Klaus:      Guten Morgen!

Susanne:    Habt ihr schon die Sektgläser rausgeholt?

Ingrid:     Wer hat denn Geburtstag?

Susanne:    Unnsinn - keiner hat Geburtstag! Was Besseres!

Klaus:      Ist deine Scheidung jetzt durch?

Susanne:    Da kannst du lange warten. Nee, aber wißt ihr denn nicht? Der Karsten?

Klaus:      Was ist mit dem?

Susanne:    Mensch, ihr kriegt wohl gar nichts mit! Die haben 6 Richtige gehabt.

Ingrid:     Hör auf, das gibts doch gar nicht!

Susanne:    Doch, ich hab das von Gaby, die war am Samstag abend noch kurz bei ihnen drüben, kurz nach der Ziehung. Gaby sagt, die sind völlig ausgetickt. Da ist sie lieber gleich wieder gegangen. Weißt du, was die kriegen? Ein bißchen mehr als eine Million!!

Ingrid:     Eine Million! Was machen die bloß mit soviel Geld?

Klaus:      Da sehe ich keine Probleme. Guck mal raus, vielleicht steht da unten auf dem Parkplatz schon ein Porsche!

Susanne:    Gaby sagt, die wollen sich jetzt erstmal ein großes Haus kaufen, mit Swimming-Pool und Sonne und Alpenblick und so.

Klaus:      Typisch Karsten - ein bißchen bieder war er schon immer.

Ingrid:     Ob der heute überhaupt noch zur Arbeit kommt?
(Telefon klingelt)

Susanne:    (nimmt Hörer ab) Ja, hier Brauerei Hopfen und Malz AG ... ja, hier ist der Vertrieb ... ja, können wir liefern ... der Preis? Eine Million. ... wieso zu teuer? ... ja, vielleicht das nächste Mal ... auf wiederhören.
Ich würde jetzt erstmal einen draufmachen, wenn ich der Karsten wäre. Drei Monate Ferien, auf Hawaii oder in Florida.

Klaus:      Vielleicht lädt er uns ja ein. Aber wie ich den Karsten kenne, schenkt er höchstens Helga ein paar Klunker und legt das Übrige sicher an, und dann macht er weiter wie bisher.

Ingrid:     Wie haben die das eigentlich verkraftet, als sie das hörten?

Susanne:    Gaby sagt, Helga hat sofort beschlossen, daß sie jetzt einen Monat lang nicht mehr kocht und sie dafür essen gehen, jeden Tag woanders hin. Die Kinder sind ja noch zu klein, um das richtig mitzukriegen; Tobias wollte nicht mehr zur Schule gehen. Er meinte, als Sohn eines Millionärs braucht er das nicht mehr. Und er will jetzt einen eigenen Fernseher haben.

Klaus:      Die müssen sich ganz schön umstellen - Hat man ja schon gehört, daß eine Ehe so was schlecht verkraftet, wenn einer plötzlich das große Geld hat. Ingrid, du hast doch da Erfahrung, dein Mann bringt ja auch einiges nach Hause, oder?

Ingrid:     So lange ist das ja auch noch nicht so. Ich kann mich noch gut erinnern, wie das war, als Werner noch wenig verdiente, und ich konnte nicht arbeiten; Das war ziemlich eng.

Klaus:      Aber jetzt habt ihrs doch geschafft.

Ingrid:     Ja, aber manchmal habe ich das Gefühl, früher ging es uns besser. Ich weiß noch, wir hatten damals so wenig Geld, daß ich für uns beide manchmal nur ein Schnitzel gehabt habe, das ich dann in zwei dünne Teile geschnitten und paniert und schön dekoriert habe, damit es nach was aussah. Heute haben wir kein Problem, einfach mal essen zu gehen, aber damals war es noch was anderes.

Susanne:    Also, wie das früher gewesen sein muß - einfach schrecklich.

Ingrid:     Ich kann mich sogar noch an die Zeit kurz nach dem Krieg erinnern. Ich war da ja noch ganz klein. Wir lebten auf dem Hof bei meiner Oma. Und dann saßen am Mittagstisch auch noch Flüchtlinge und ehemalige Fremdarbeiter und manchmal auch Soldaten auf dem Weg nach Hause. Manchmal war das ziemlich wildes Volk, und es war auch oft knapp. Aber wenn meine Oma am Anfang das Tischgebet sprach, dann waren auch die wilden Kerle da artig und zahm.

Klaus:      Ich glaube, der Karsten ist gerade unten auf dem Parkplatz.

Susanne:    Laß mal sehen, was hat er denn für ein Auto?

Klaus:      Seinen grünen Mercedes, wie immer.

Susanne:    Hach, so was Schäbiges!

Ingrid:     Gleich kommt er!

Susanne:    Heute wird nicht mehr gearbeitet, heute wird gefeiert!

Klaus:      Hoffentlich hat er das nötige Kleingeld mitgebracht.

Karsten:    Guten Morgen, tut mir leid, daß ich zu spät bin. Ich mußte erst noch Helga mit dem Kleinen zum Arzt bringen, der hat irgendwas am Ohr. (setzt sich)
(Pause)

Susanne:    Sag mal, wie fühlt man sich eigentlich so, Karsten?

Karsten:    Wie fühlt man sich? Kann nicht klagen, der Rücken ist wieder o.k..

Klaus:      Komm, spuck aus, wie fühlt man sich mit so viel Geld?

Karsten:    Was soll'n das? Soviel verdiene ich nun auch wieder nicht.

Klaus:      Sei ehrlich, wie fühlt man sich als Lottokönig?

Karsten:    Wieso Lottokönig? Ich habe noch nie getippt oder so.

Ingrid:     Susanne hat uns erzählt, sie hat von Gaby gehört, daß ihr einen Haufen Geld gewonnen habt.

Karsten:    Wieso kommt Gaby darauf? Ach so - jetzt weiß ich. Gaby war ja Samstag noch kurz bei uns. Und unser Großer, Tobias, der spielt in der Schule in so einem Stück mit über eine Familie, die sechs Richtige haben. Und wir haben das am Samstag gerade noch mal geübt, weil doch heute die Aufführung ist. Und die Gaby war zwischendurch kurz da - die muß das irgendwie in den falschen Hals gekriegt haben. Der Tobias spielt das wirklich ziemlich gut.
(Pause)

Klaus:      Ach so.

Susanne:    Aus der Traum.

Ingrid:     Vielleicht sollten wir dann unser Geld doch wieder mit Arbeit verdienen.
(Telefon klingelt)

Susanne:    (nimmt Hörer ab) Guten Morgen, hier Brauerei Hopfen und Malz AG ... Nett, daß Sie noch mal anrufen ... Sie wollten noch mal über den Preis sprechen? Ja, wir könnten Ihnen da vielleicht ein ganz besonderes Angebot machen ... .