In der Tretmühle

Szene im Eröffnungsgottesdienst der Ilseder KirchenGemeindeTage
am 17. September 2000
in der alten Gebläsehalle auf dem Ilseder Hüttengelände

Personen:

Kassiererin
Georg
Richard
Telefonstimme (weiblich)

Die beiden Männer kommen zur Kasse des Baumarkts, Georg zuerst. Wenn er zur Kasse kommt, faltet die Kassiererin ihre Zeitung zusammen und geht weg. Anschließend kommt Richard mit sehr beladenem Wagen und wartet hinter Georg.

Kassiererin:    Entschuldigung, ich muss mal schnell ins Lager! (geht)

Richard:        (stellt sich an) Können Sie nicht etwas schneller machen? Ich habe es eilig.

Georg:           Andere haben auch zu tun.

Richard:        Vielleicht könnten Sie mich ja vorlassen, bei mir geht es schnell.

Georg:           Ihr Wagen sieht mir aber nicht danach aus.

Richard:        Bei mir muss es einfach schnell gehen, ich habe um 12 einen Termin in Gadenstedt, vorher bringe ich noch den Kram hier nach Hause, und anschließend muss ich noch mal in die Firma. Wir haben einen Riesenauftrag, da müssen alle jetzt mal ranklotzen, also seien Sie so gut und lassen Sie mich einfach mal vor.

Georg:           Wie komme ich dazu? Wenn Sie sich erst Ihren Kalender vollpacken und dann noch den Einkaufswagen, das ist schließlich Ihre Sache!

Richard:        Verdammt noch mal, lassen Sie mich jetzt vor oder nicht?

Handyklingeln

Richard:        O nein, auch noch das Handy! (nimmt den Anruf entgegen) Ja, hallo, was ist denn jetzt schon wieder?

Telefon:         Guten Tag, mein Name ist Carola Klein vom Einrichtungshaus »Ambiente«. Entschuldigen Sie, dass ich anrufe, aber wir machen uns Sorgen um Ihre Frau.

Richard:       Einrichtungshaus »Ambiente« ? Nie gehört. Oder doch? Wie kommen Sie dazu, sich Sorgen um meine Frau zu machen?

Telefon:        Sie ist, äh, seit zehn Tagen nicht mehr bei uns gewesen.

Richard:        Sie können ja wohl nicht verlangen, dass meine Frau jede Woche bei Ihnen einkauft!

Telefon:        Nein, Sie verstehen mich falsch – wir machen uns wirklich Sorgen um Ihre Frau. Wir dachten, es könnte ihr etwas zugestoßen sein.

Richard:        Woher soll ich wissen, ob meiner Frau etwas zugestoßen ist? Wie kommen Sie überhaupt darauf?

Telefon:        Sie kam eben bis jetzt jede Woche, und sie erzählte uns dann eine ganze Menge, und, naja, sie kaufte natürlich auch immer was ...

Richard:        Jetzt weiß ich, woher ich Sie kenne! Von der Kreditkartenabrechnung!

Telefon:        Ja, sie kaufte meistens mit Kreditkarte – sie sagte immer, ihr Mann würde das schon bezahlen, das wäre das Einzige, was er noch für sie täte.

Richard:        Das ist typisch Helga! Da sorgt man sich um die Familie und schuftet und macht, und dann erzählt sie fremden Leuten, ich tue nichts für sie.

Telefon:        Sie verstehen mich falsch! Wir machen uns ernsthaft Sorgen um Ihre Frau! Wir konnten uns darauf verlassen, dass sie einmal in der Woche kam. Sie setzte sich dann hin und ließ sich die neuen Kataloge geben, und dann erzählte sie.

Richard:        Wahrscheinlich über mich!

Telefon:        Nicht nur. Sie erzählte auch, was sie die Woche über gemacht hat und wie es mit ihren Bandscheiben aussieht und wie es den Enkeln geht und so.

Richard:        Ach, hat sie es schon wieder mit den Bandscheiben? Wahrscheinlich will sie höheren Unterhalt rausschlagen. Kennt man ja.

Telefon:        Wieso Unterhalt rausschlagen?

Richard:        Hat Ihnen meine Frau nicht gesagt, dass wir in Scheidung leben?

Telefon:        O, das tut mir leid, nein. Dann leben Sie nicht mehr zusammen?

Richard:        Kann ich nicht sagen, ich war jetzt lange nicht mehr zu Hause.
Ich glaube, ich kann Ihnen nicht helfen. Und machen Sie sich keine Sorgen um meine Frau. Die passt schon auf sich auf. Die schwimmt immer oben. (Steckt Handy ein) Als ob man nicht schon genug Probleme hat!
(zu Georg:) Sie können sich doch überhaupt nicht vorstellen, was das für ein Leben ist: diese verantwortungslose Frau, von der ich nur die Kredit­karten­ab­rechnung sehe. Kaufsüchtig ist die, das sage ich Ihnen, kaufsüchtig. Wenn ich mal nach Hause komme, steht da wieder so'n neuer Plunder. Nächste Woche bin ich wieder die ganze Zeit in Hamburg, wenn ich zurückkomme liegt da garantiert ein Brief von ihrem Anwalt, und sie ruft an und verlangt, dass ich ihn lese. Und die Kunden rufen an und stressen mich, wann die Lieferung kommt. Ich komme mir vor wie in der Tretmühle. Ich bin doch kein Hamster.

Georg:           Aber irgendwas muss es doch geben, auf was Sie sich freuen!

Richard:        Mich freuen? Mit dieser Frau, mit diesem Job? Freuen? Mir gönnt doch keiner was! Was meinen Sie, was ich mir anhören musste, als sie rausfand, dass ich auf der einen Geschäftsreise nicht allein war. Freuen? Worüber? Noch nicht mal ein anständiges Fernsehprogramm haben sie hier.

Georg:           Ich meine, es muss doch etwas geben, was Sie gerne tun. Das ist doch kein Leben, wenn man sich immer fühlt wie in der Tretmühle. Wie lange machen Sie das denn schon?

Richard:       Das mache ich schon immer, und ich werd's wohl so lange machen, bis irgendwann Schicht ist.

(Kassiererin kommt zurück)

Georg:           Das ist ja schrecklich! Kommen Sie, ich lasse Sie vor, wenn Ihnen das was hilft!

Richard:        Na bitte! Warum nicht gleich so!
(nimmt seinen Wagen und schiebt an Georg vorbei)
Und nun machen Sie mal zu hier, ich kann nicht ewig warten!

Kassiererin:    Entschuldigung, ich bin neu hier, und jetzt klemmt auch noch die Papierrolle!