Der Untersuchungsausschuss

Theaterszene im Gottesdienst am 18.2.2001

 
Personen:

Vorsitzende des Untersuchungsausschusses
Mitglied des Untersuchungsausschusses
Jörg, Minister
Gustav Steinbichler, Zeuge

Vorsitzende:

Herr Minister, ich muss Sie noch einmal eindringlich bitten, dem Untersuchungsausschuss bei der Aufklärung der Sachlage behilflich zu sein! Kennen Sie den Dr. Frankenburger?

Minister:

Schon möglich, dass ich dem Herrn mal begegnet bin.

Mitglied:

Wann war das ungefähr?

Minister:

Nun, ich kann mich nicht ganz genau festlegen, aber es wird so zwischen 1972 und 1999 gewesen sein.

Vorsitzende:

Aha.

Mitglied:

Haben Sie von ihm diese 820.000 Mark bekommen?

Minister:

Ach wissen Sie, Geld hat mich nie besonders interessiert.

Mitglied:

Haben Sie nun von ihm das Geld bekommen oder nicht?

Minister:

Da müsste ich mal meine Sekretärin fragen.

Vorsitzende:

(in scharfem Ton) Aber Sie geben zu, dass Sie bei dem geheimen Treffen am 29. Februar 1980 in Luxemburg dabei waren! Haben Sie dort mit dem damaligen Fraktionsvorsitzenden am gleichen Tisch gesessen und Currywurst gegessen?

Minister:

Ich bestreite entschieden, dass das ein geheimes Treffen war. Das ergibt sich schon allein aus der Tatsache, dass Sie davon wissen.

Mitglied:

Aber die Currywurst können Sie bestätigen?

Minister:

Dazu stehe ich. Das habe ich nie verschwiegen.

Vorsitzende:

Nun sind in den letzten Tagen allerdings Informationen ans Licht gekommen, die diesem Fall noch einmal eine völlig neue Wendung geben.

Mitglied:

Ich möchte betonen, dass wir das ausschließlich den Recherchen der pfiffigen Journalisten von »Mord am Dienstag« verdanken.

Vorsitzende:

Der Zeuge bitte!

Zeuge:

(kommt und stellt sich vor den Ausschuss)

Vorsitzende:

Herr Steinbichler, wir erwarten von ihnen absolute Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Sie haben sich gemeldet, weil sie eine wichtige Aussage zu machen haben.

Zeuge:

Jawohl.

Vorsitzende:

Was sind Sie von Beruf?

Zeuge:

Ich bin ... ich lese Stromzähler ab.

Mitglied:

Dann sind also Genauigkeit und Präzision gewissermaßen Ihr Beruf?

Zeuge:

Jawohl.

Vorsitzende:

Kennen Sie diesen Herrn dort?

Zeuge:

Jawohl.

Vorsi:

Und Sie sagen, er hat Ihnen gegenüber Gewalt ausgeübt.

Zeuge:

Er ist es ganz eindeutig. Ich erkennen ihn wieder. Er hat sich auf mich gestürzt, hat mich angegriffen und in den Schwitzkasten genommen. Ich konnte nur entkommen, weil ein Freund von mir an diesem Tag zufällig dabei war und dazwischenging.

Mitglied:

Das ist ja ein starkes Stück! Herr Minister, was haben Sie dazu zu sagen?

Minister:

Ich kann mich an den Herrn nicht erinnern.

Mitglied:

Das kennen wir ja schon! Aber glauben Sie nicht, dass Sie damit durchkommen! Hier nicht!

Vorsitzende:

Herr Steinbichler, was waren die Folgen dieser Gewalttat?

Zeuge:

Ich stellte später bei mir Verletzungen in Form von mehreren blauen Flecken fest.

Vorsitzende:

Können Sie uns die wohl einmal zeigen?

Zeuge:

Nein, sie sind leider nicht mehr da.

Vorsitzende:

Ach, wie schade.

Zeuge:

Aber die Sache ging ja noch weiter!

Vorsitzende:

Wieso?

Zeuge:

Nachdem er sich auf mich gestürzt hatte, hat er mich auch noch beraubt.

Mitglied:

Raub! Das wird ja immer besser!

Zeuge:

Und kaputtgemacht hat er meine Sachen!

Mitglied:

Gewalt gegen Sachen! (zum Minister) Das waren Sie bestimmt auch wieder nicht?

Minister:

Ich kann mich im Augenblick nicht besinnen.

Vorsitzende:

Dann wollen wir ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Herr Steinbichler, erzählen Sie doch mal genau, wie das war!

Zeuge:

Also, erst hat er meine Tasche ausgeschüttet, dann hat er die Wachsmalstifte durch die Klasse geschmissen, und am Ende hat er mir den Zirkel verbogen.

Vorsitzende:

(leicht verwirrt) Äh, können Sie das noch mal genauer ... Wachsmalstifte?

Zeuge:

Kennen Sie keine Wachsmalstifte? Damit haben wir immer die Buchstaben geübt, bei Fräulein Aumüller!

Minister:

(erkennt ihn) Gustav! Du bist es!

Zeuge:

Na klar, Jörg! Das hat aber gedauert, bis du es geschnallt hast!

Minister:

(geht auf ihn zu und schüttelt ihm die Hand) Mensch Gustav! Nach so langer Zeit! Warum bist du denn nie zum Klassentreffen gekommen?

Zeuge:

Wieso ich? Du warst ja immer beim Parteitag, wenn Klassentreffen war.

Vorsitzende:

Offensichtlich wollen Sie den Zeugen nun doch kennen.

Minister:

Natürlich, wir haben doch nebeneinander gesessen. Aber mit der Schultasche, das war anders. Er hat angefangen. Er hat mein Schulbrot in den Papierkorb geworfen.

Mitglied:

Herr Steinbichler, haben Sie etwa auch zu dieser gewaltbereiten Szene gehört?

Zeuge:

Jörg, weißt du noch, wie wir den Siggi in die Mülltonne gesteckt haben?

Minister:

Na klar!

Vorsitzende:

Sie geben also noch mehr Gewalttaten zu?

Minister:

Ja, meinetwegen. Können wir nicht Schluss machen, damit ich mit Gustav noch einen trinken gehen kann?

Vorsitzende:

Es stehen aber noch einige Vorwürfe gegen Sie im Raum.

Minister:

Ok., ich gebe zu, ich habe die Spenden angenommen.

Mitglied:

Und die Currywurst?

Minister:

Na schön, die gebe ich auch zu, aber es waren in Wirklichkeit nur Pommes mit Ketchup. Kann ich jetzt gehen?

Vorsitzende:

Ja, wenn das so ist ...

Mitglied:

Herr Minister, Sie wollen jetzt wirklich mit Herrn Steinbichler einen trinken gehen?

Minister:

Na klar!

Zeuge:

Prima Jörg, das machen wir!

Mitglied:

Eine Frage hätte ich noch!

Vorsitzende:

Aber nur eine!

Mitglied:

Wenn ich jetzt zugeben würde, dass ich einen ... äh ... Beratervertrag habe, äh ... mit »Mord am Dienstag« ... äh ... dürfte ich dann auch ... ich meine, würden Sie mich vielleicht auch mitnehmen?