Allein im Fahrstuhl

Szene für den Besonderen Gottesdienst am 5. Juni 2005

Personen:

Doris Kaufmann (nach der Arbeit auf dem Weg nach Hause)
Stimmen (über Mikro):
- Fahrstuhlnotruf
- Arzt
- Michael
- Mutter
- Doris' Seele

Doris kommt hektisch in den Fahrstuhl.

Doris:           Puh - geschafft. Endlich mal nicht stundenlang auf den Fahrstuhl warten. Noch drei Stockwerke! Was, schon Erdgeschoss? (rüttelt an der Tür) wieso geht die nicht auf? Aber das ist gar nicht das Erdgeschoss! Wieso hält er an? Mitten zwischen dem zweiten und dritten Stock! (drückt Knöpfe) Mach schon, ich hab keine Zeit! (Denkpause) Ist der Fahrstuhl etwa stecken geblieben - aber das gibt es doch nicht! Da macht man doch nur Witze drüber.
Aber ich hab keine Zeit für blöde Witze! (immer hektischer) Ich muss noch zum Arzt und Einkaufen und heute abend wollten wir ins Kino. Ich kann doch nicht wegen einem defekten Fahrstuhl meine ganzen Termine streichen!
Moment, hier ist ja dieser Alarmknopf (drückt Schalter, Pause) Nichts passiert! Wahrscheinlich ist das sowieso nur eine Attrappe.

Fahrstuhlnotruf: Guten Abend, hier ist der zentrale Fahrstuhlnotruf, mein Name ist Caroline Schäfer, was kann ich für Sie tun?

Doris:           Mich hier rausholen natürlich, und zwar ein bisschen flott. Ich habe keine Zeit zum Warten.

Fahrstuhlnotruf: Rausholen kann ich Sie leider nicht, aber ich kann den Hausmeister oder einen Techniker zu Ihnen schicken.

Doris:           Tun Sie, was sie für richtig halten, aber tun Sie es schnell.

Fahrstuhlnotruf: Sie sind jetzt in Peine? Im Hochhaus?

Doris:           Natürlich bin ich in Peine, wo sonst? Aber langsam glaube ich, ich bin im falschen Film, »Fahrstuhl zum Schafott« oder so, kennen Sie den?

Fahrstuhlnotruf: Den haben wir in der Ausbildung gesehen. Aber ich gebe Ihren Notruf weiter, und dann kommt jemand und holt Sie raus.

Doris:           Und wie lange dauert das?

Fahrstuhlnotruf: Das kann ich noch nicht genau sagen, es ist ja schon Wochenende, aber länger als 5 oder sechs Stunden wird es bestimmt nicht dauern.

Doris:           (empört) Sechs Stunden? Das ist doch wohl ein Witz?

Fahrstuhlnotruf: Ich muss erst einen geeigneten Monteur für Sie finden. Das kann nach Feierabend ein bisschen dauern. Ich trenne jetzt die Verbindung. Sie können mich natürlich wieder anrufen, wenn Sie ein Problem haben.

Doris:           Wenn ich ein Problem habe? Wenn es danach ginge, müsste ich ein Dauertelefonat führen. Was wird jetzt aus meinem Arzttermin?

Arzt:            Eigentlich hatten wir Sie heute erwartet, Frau Kaufmann, Sie sollten die Vorsorgeuntersuchungen wirklich ernster nehmen.

Doris:           Und Michael ist auch immer sauer, wenn ein Termin nicht klappt.

Michael:        (ärgerlich) Doris, immer kommt dir irgendwas dazwischen. Wenn du keine Lust hast, mit mir ins Kino zu gehen, dann sag es lieber gleich. Dann kann ich mir was anderes vornehmen.

Doris:           Die Geschäfte sind bestimmt auch schon zu, wenn ich hier raus bin. Morgen habe ich gar keine Zeit mehr zum Einkaufen. Ach du meine Güte, morgen wollte Mutter kommen. Was die wohl sagt, wenn ich ihr nur belegte Brote mache?

Mutter          Kind, auf Pannen muss man vorbereitet sein, dann passiert einem so was nicht.

Doris:           Kann ich denn was dafür, dass dieser blöde Fahrstuhl klemmt?

Arzt:            Wir haben diesen Termin extra für Sie freigehalten.

Michael:        Du könntest wirklich ein bisschen mehr mit mir unternehmen.

Mutter:         Manchmal habe ich das Gefühl, ich habe gar keinen Platz mehr in deinem Leben.

Doris:           (hält sich die Ohren zu) Lasst mich in Ruhe! Alle!
(Pause, nach einigen Momenten hört man so etwas wie ein leises Schluchzen)
Wer ist denn das jetzt?

Seele:          Ich bin deine Seele.

Doris:           Meine Seele? Ich wusste gar nicht mehr, dass ich eine habe. Und was willst du von mir?

Seele:          Ich bin fertig. Ich kann nicht mehr.

Doris:           Du kannst nicht mehr?

Seele:          Ja, weil du mich nicht mehr kennst. Ich würde dir so gerne etwas erzählen, aber ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Du hörst mir nie zu. Und du sagst nichts zu mir.

Doris:           Jetzt fang du auch noch an! Schlimm genug, dass die anderen alle an mit zerren. Reiß dich zusammen. Wir können jetzt doch nicht schlappmachen.

                  (Stille)

Doris:           He, was ist los? Warum sagst du nichts?

                  (Stille)

Doris:           Jetzt komm schon, das war doch nicht böse gemeint.

                  (Stille)

Doris:           Sag doch was, das ist ja schrecklich, wenn du so still bist.

Seele:          (zaghaft) Aber du machst mich fertig.

Doris:           Entschuldigung, soll nicht wieder passieren.

                  (Stille)

Doris:           Wirklich, ich höre dir zu. Großes Ehrenwort. Ich habe im Augenblick viel Zeit.

Seele:          Ja, ich bin auch richtig froh, dass dieser Fahrstuhl stecken geblieben ist.

Doris:           (empört) froh? Du bist froh? (sie merkt, dass das kontraproduktiv ist) äh, ja, ganz nett, natürlich, in gewisser Weise.

Seele:          Ich würde dir gerne helfen.

Doris:           Mir helfen? Und wie willst du das machen?

Seele:          Ich möchte dir sagen, was uns fehlt.

Doris:           Und was ist das?

Seele:          Du läufst so vielen Sachen hinterher, die du nie bekommen wirst.

Doris:           Meinst du wirklich?

Seele:          Merkst du nicht, wie unzufrieden wir sind?

Doris:           Ja, irgendwie schon.

Seele:          Ändere das!

Doris:           Wieso ich?

Seele:          Weil das deine Aufgabe ist. Ich bin deine Seele, die dir sagt, was dir fehlt. Du musst darauf hören und etwas tun. So ist es eingerichtet.

Doris:           Na toll! Ich soll was tun, nur damit es dir gut geht?

Seele:          Ich bin deine Seele. Wenn es mir gut geht, geht es dir gut. Wenn es mir schlecht geht, fühlst du dich schlecht.

Doris:           Na ja, klingt nicht falsch.

Seele:          Und noch etwas ...

Doris:           Ja?

Seele:          Angst habe ich jetzt auch. Was ist, wenn wir hier nicht rauskommen? Kannst du mir etwas Mut machen?

Doris:           (überlegt) Also gut - erinnerst du dich daran, was passiert ist, als wir meinen dritten Geburtstag gefeiert haben?

Seele:          Da hast du uns in der Speisekammer eingesperrt, und du bekamst die Tür von innen nicht mehr auf. Ich weiß es noch, als ob es gestern wäre.

Doris:           Ich glaube, da hast du ganz schön Angst gehabt.

Seele:          Ich habe schrecklich geweint.

Doris:           Und ich habe schrecklich gebrüllt.

Seele:          Davon erzählt deine Mutter heute noch.

Doris:           Weißt du noch, wie es ausgegangen ist?

Seele:          Sie haben einen Schlosser geholt, der die Tür geknackt hat.

Doris:           (wie zu einem Kind) Siehst du, damals ist es gut gegangen, und so wird es auch diesmal gehen.

Seele:          Danke! Das hast du nett gesagt! Jetzt geht es mir schon viel besser.

Doris:           Mir eigentlich auch.

Seele:          Du, könnten wir nicht immer so gut zusammenarbeiten.

Doris:           Ja, warum nicht? Das könnte wirklich eine wunderbare Freundschaft werden.

Fahrstuhlnotruf: Hallo, hier ist der zentrale Fahrstuhlnotdienst, mein Name ist Caroline Schäfer. Ein Monteur zu ist Ihnen unterwegs. Sie sind bald wieder frei.

Doris:           Oh, kein Problem. Sagen Sie dem Mann, er soll sich wegen mir kein Bein ausreißen. Ich bin gerade in einer wichtigen Besprechung.